Über die Kunst auch in Zeiten von Corona Schüler*innen zu begeistern – ein Erfahrungsbericht

Zoom, 8 Uhr morgens. Ich sitze vor meinem Laptop und schaue auf lauter schwarze Bildschirme, wo nach und nach die Schüler*innen eintrudeln. Normalerweise hätten wir um diese Uhrzeit alle bereits einen Schul- oder Arbeitsweg hinter uns, wären schon in den Genuss frischer Luft gekommen und ich würde die Schüler*innen persönlich sehen. Doch in Zeiten von Corona ist es anders – man kann sich innerhalb von Sekunden vom Bett in den Zoom-Call beamen und bei ausgeschalteter Kamera anwesend sein, obwohl man vielleicht doch nicht ganz so präsent ist. Online-Unterricht ist sowohl für Schüler*innen, als auch Lehrer*innen ungewohnt und nicht immer optimal. Wie sieht es aber mit unseren Kopfsachen Workshops im Online-Format aus? Gerade bei dem sensiblen Thema der mentalen Gesundheit und Selbstfürsorge sollte man meinen, dass der persönliche Austausch von zentraler Bedeutung ist, oder nicht?

 

Ich möchte deshalb hier von meiner Erfahrung als Workshop Leiterin in Zeiten von Corona berichten. Grundlegend habe ich festgestellt, dass die Workshops auch im Online-Format einen enormen Mehrwert haben.

 

Trotz Kamerascheu öffnen sich die Schüler*innen, erzählen berührende Geschichten aus ihrem Alltag und tauschen sich über die Auswirkungen der Corona-Pandemie aus. Es wird offen über Themen gesprochen, denen im normalen Schulalltag wahrscheinlich viel zu wenig Raum gegeben wird. Themen, die aber eigentlich zentral sind und deshalb unbedingt mehr Raum verdienen. Was macht die Corona-Pandemie mit uns? Wie fühlen wir uns gerade und wieso ist das so? 

 

Gefühle wie Wut und Angst, aber auch Antriebslosigkeit stehen im Mittelpunkt. Ich merke schnell, dass es vielen Schüler*innen ähnlich geht, und ihnen der bewusste Austausch darüber guttut. Denn die aktuelle Situation ist keineswegs normal, und gerade deshalb haben diese Gefühle auch eine Daseinsberechtigung. 

 

Und auch dem Umgang mit diesen unangenehmen Gefühlen widmen wir uns im Austausch mit den Schüler*innen. Gemeinsam erstellen wir persönliche Aktivitäten Listen, gefüllt mit Aktivitäten, die uns Spaß und Freude bereiten. Der Kreativität der Schüler*innen sind hierbei keine Grenzen gesetzt und ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert von dem Ideenreichtum und der langen Liste, die wir am Ende in den Händen halten. Ehrlich gesagt bekomme auch ich in den Workshops Inspirationen für meine persönliche Aktivitäten Liste. So habe ich beispielsweise nach einem Workshop begonnen, mich intensiv der Bepflanzung meines Balkons zu widmen, oder mal wieder etwas gemalt. Obwohl ich eigentlich der Überzeugung bin, dass ich nicht unbedingt ein Talent fürs Malen besitze, macht es mir dennoch Spaß und den habe ich inspiriert durch die Schüler*innen wiederentdeckt. Das zeigt mal wieder: man kann von den jungen Erwachsenen bereits so viel lernen. Und sie können auch so viel voneinander lernen.

 

Wenn man dann im Anschluss an den Workshop in der Feedback Befragung liest, dass sie die Übungen hilfreich und toll fanden und ihnen endlich Raum für den Austausch über das, was man jeden Tag erlebt, gegeben wurde, macht mich das glücklich. Glücklich, weil ich der Überzeugung bin, dass die Schüler*innen gestärkt aus dem Workshop hinaus gehen. 

 

von Henrike Jäger

„Jugendliche sind keine Maschinen!“ – Ein Interview mit Friederika Vögele

Friederika Vögele ist seit 2,5 Jahren Schulsozialarbeiterin am Melanchthon Gymnasium in Berlin Hellersdorf. Im Gespräch verrät sie uns, wie es ihrem Eindruck nach um die mentale Gesundheit der Schüler*innen steht, was die Jugendlichen beschäftigt und wieso das Thema mentale Gesundheit der Grundstein von allem ist. 


Bei der Schulsozialarbeit am Melanchthon Gymnasium sind alle willkommen, die etwas besprechen möchten oder vor Herausforderungen stehen. Die Schulsozialarbeiter*innen sind neben ihrer Funktion als Berater*innen auch in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften der Schule aktiv. Außerdem sind sie die Schnittstelle zwischen außerschulischen und bezirklichen Unterstützungsnetzwerken und der Schule. Durch den täglichen Kontakt mit den Schüler*innen haben sie Einblicke in deren soziales Umfeld und erhalten so einen guten Eindruck, was die Schüler*innen bewegt und beschäftigt.


Mentale Gesundheit im Schulalltag 


Seit Beginn der Pandemie steht es nach Friederikas Eindruck schlechter um die mentale Gesundheit der Jugendlichen – die Auswirkungen der Pandemie sind zu bemerken. „Die Fälle sind extremer, komplexer geworden und das Wort Suizidgedanken fällt öfter“, erzählt uns Friederika im Gespräch. Für sie sei es erschreckend, wie viele Kinder und Jugendliche in negativen Gedankenspiralen sind, aber die Tatsache, dass sie diese Gedanken verbalisieren können, sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, um Unterstützung zu erhalten. Die Relevanz der mentalen Gesundheit ist demnach eindeutig, auch gesamtgesellschaftlich bekommt das Thema stetig mehr Aufmerksamkeit.


Allerdings gibt es laut Friederika noch viel Luft nach oben. Die psychische Gesundheit ist in Teilen der Gesellschaft noch immer tabuisiert. Betroffene werden „schnell in die Psychoschublade gesteckt“, so Friederika. „Viele Menschen haben ein Problem, aber es dauert bis der Leidensdruck so groß ist, dass sie sich Hilfe suchen.“ Es muss demnach Raum geschaffen werden, um sich bereits früh mit diesem Thema beschäftigen zu können. Laut Friederika sind hierfür drei Punkte von zentraler Bedeutung:


– Innovationsoffenheit neue Wege auszuprobieren
– Bereitstellung notwendiger Ressourcen (personell und finanziell)
– Und eine wertschätzende Haltung gegenüber dem Thema.


Die größten Stressoren und Herausforderungen für die Jugendlichen


Um die Belastung der Jugendlichen besser verstehen zu können, ist es wichtig, sich deren Lebenssituationen genauer anzuschauen. Was erleben die Jugendlichen als sehr belastend?


Für Friederika ist die Beziehung zu den Eltern/Erziehungsberechtigten und anderen Bezugspersonen von zentraler Bedeutung für das Wohlbefinden. Darüber hinaus erleben viele Schüler*innen den Leistungsdruck im schulischen Kontext als sehr belastend. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche im Freizeitbereich Aktivitäten ausüben, die zusätzlichen Druck aufbauen und viel Zeit in Anspruch nehmen. „Ich höre öfter, dass der Sonntagmittag der einzige Zeitpunkt ist, an dem die Jugendlichen ihre Zeit selbst bestimmen können“, berichtet Friederika. Einen weiteren Stressor stellt für sie das Internet dar, wobei sie es als Fluch und Segen zugleich bezeichnet. Wenn es Probleme oder Fragen gibt, kann man sich dort einerseits mit Gleichgesinnten austauschen und informieren, was sehr entlastend wirken kann. Andererseits ersetzt das Internet keine professionelle Hilfe oder reale Bezugspersonen, die emotionale Nähe geben können. Es komme oft zu “gegoogelten Selbstdiagnosen”, wobei man sich fragen müsse, wo an dieser Stelle die Self-fulfilling-Prophecy anfängt, erzählt Friederika. Dies zeigt, dass es von ungemeiner Wichtigkeit ist, den Jugendlichen bereits möglichst früh eine Art Werkzeugkoffer an die Hand zu geben, der ihnen im Umgang mit individuellen Stressoren hilft.


Dass Kopfsachen e.V. genau an diesem Punkt ansetzt, findet Friederika wichtig: „es gibt an Schulen generell ein großes Workshop-Angebot zu verschiedenen Themen, beispielsweise zu Antidiskriminierung oder Team Building. Doch woher kriegen die Jugendlichen das Knowhow zur Selbstfürsorge, wenn es ihnen mal nicht gut geht?“


Psychische Gesundheit sollte nicht on top, sondern die Basis sein


Durch den Pandemie-bedingten Lockdown ist viel Unterrichtsstoff auf der Strecke geblieben. Wie kann also gerechtfertigt werden, dass im kommenden Schuljahr Raum für Workshops zur mentalen Gesundheit geschaffen wird? Für Friederika eine klare Angelegenheit. „Man muss sich fragen, wo man am besten investiert und was gerade relevant ist.“ Die psychische Gesundheit sollte nicht als ein on-top-Thema behandelt werden, sondern die Basis von allem sein. Denn ohne eine funktionierende Psyche” lässt meist auch auf anderen Gebieten die Leistungsfähigkeit nach. Daher ist die mentale Gesundheit der Grundbau für viele andere Bereiche, und diesen gilt es laut Friederika zu stärken. „Wenn Menschen Probleme haben und belastet sind, sind sie meist auch für andere Inhalte nicht aufnahmefähig. Dann ist den Schüler*innen auch die Fotosynthese vorne an der Tafel egal, im Kopf sind sie ganz woanders.“

 

Es ist demnach wichtig zu verstehen, dass die Jugendlichen keine Maschinen sind, die unabhängig von den Umständen um sie herum tagtäglich Leistungen erbringen können. Damit die Jugendlichen besser mit Belastungen umgehen können, gilt es, den Grundbau der mentalen Gesundheit zu stärken. Und genau dafür setzt Kopfsachen e.V. sich ein.


von Henrike Jäger

Kopfsachen e.V. wird gefördert durch